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Regensburg am nördlichsten Punkt der Donau, einst römisches Legionslager, mittelalterliche Großstadt, Sitz des Immerwährenden Reichstags des heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, ist heute Boomstadt. Jedes Jahr wächst die Stadt um mehr als 2.000 Menschen, die Hälfte davon sind Frauen.

Was als Frauenforschung vor 50 Jahren begann, war an der katholisch geprägten Universität Regensburg eher Nischenthema. Erst als mit Marietheres List 1988 die erste Intendantin eines öffentlichen Hauses in Deutschland an die Spitze des Stadttheaters berufen und mit Christa Meier 1990 die erste Oberbürgermeisterin einer bayerischen Großstadt in dieses Amt gewählt wurde, fragte Regensburg nach den Frauen in seiner Geschichte.

In Uni-Seminaren und Arbeitskreisen der Volkshochschulen betrieben Frauen Women Studies. Oberbürgermeisterin Meier beauftragte das Stadtarchiv damit, die eigene Frauengeschichte zu erforschen und in einer Ausstellung zu präsentieren. „Frauengeschichte(n)“ zeigte den Alltag von Frauen in vielen Jahrhunderten Stadtgeschichte und porträtierte Vorbilder: Frauen, die einen wirtschaftlichen, sozialen, politischen oder wissenschaftlichen Weg zur Emanzipation ihres Geschlechts vorlebten. Für die neuen Straßennamen eines der größten Entwicklungsgebiete Deutschlands, des Regensburger Baugebiets Burgweinting, kam das allerdings zu spät. Im ersten Bauabschnitt erinnern die Straßennamen an bekannte Figuren wie die Künstlerin Käthe Kollwitz oder die Widerstandskämpferin Sophie Scholl. Mit Frauennamen der eigenen regionalen Geschichte in der kollektiven Erinnerung zu punkten, sollte noch dauern. Immerhin, 2016 entschied der Stadtrat, Julie von Zerzog – eine der Regensburgerinnen in den Danube Women Stories – eine Straße im Bauabschnitt Burgweinting Nordwest III zu widmen.

LUISE HÄNDLMAIER, Regensburg

Die Geschichte von Luise Händlmaier erzählt, wie sich ein typisch weibliches Nebengeschäft in ein hoch rentables Hauptgeschäft verwandelte.

Luise Händlmaier (geb. Sichart) wurde am 13. November 1910 in Landau an der Isar geboren. Am 31. Oktober 1933 heiratete sie Joseph Karl Händlmaier und damit in eine angesehene Regensburger Metzgerfamilie ein. Während sich der Schwiegervater um das Fleisch kümmerte, experimentierte die Schwiegermutter mit kanadischer Senfsaat, Wasser, Zucker, Branntweinessig und Gewürzen. Als der Junior das Geschäft 1949 übernahm, blieben die Rollen die gleichen. Luise kümmerte sich um den Senf.

Die zweite Generation expandierte. Nach dem Tod ihres Mannes 1955 führte Luise die Metzgerei mit sechs Filialen alleine. Vor allem auf dem Schlachthof ging ihr die Männerwirtschaft auf die Nerven. Eines Tages – sie war mit der Metzgereiköchin und langjährigen Vertrauten Resi Lorbert unterwegs – sagte sie: „Weißt Du was? – Jetzt hör‘ ich mit der Metzgerei auf und dann fangen wir zwei mit dem Senf an.“

1963 verkaufte Luise ihre Metzgereien und startete mit der Senfproduktion durch. 1964 gründete sie die Firma „Luise Händlmaier“, verfeinerte das Rezept der Schwiegermutter, produzierte mit Helferinnen immer größere Mengen und baute das Produkt zur Marke aus. „Luise Händlmaier“ stand jetzt für den „Süßen“ mit dem roten Etikett. 1965 gewann die Unternehmerin die Milchwerke als Vertriebspartner für die Belieferung von 400 Lebensmittelmärkten. Von der Regensburger Gesandtenstraße aus zog der Süße Hausmachersenf immer weitere Kreise. Bis wenige Monate vor ihrem Tod stand die Chefin selbst an den Senftöpfen und half beim Etikettieren. 1981 starb die Senffabrikantin 70-jährig.

Luises Tochter Christa Aumer führte das Geschäft im Stammhaus in der Regensburger Gesandtenstraße 17 bis in die 90er Jahre weiter. Noch heute wird der Klassiker der Marke Händlmaier im Familienbetrieb hergestellt. Bis zu 60 Tonnen Senf verlassen die Produktion in Haslbach bei Regensburg täglich. 79,8 Prozent beträgt dato der Marktanteil im Bereich süßen Senfs in Deutschland.

JULIE VON ZERZOG, Regensburg

Julie von Zerzogs karitatives Engagement steht idealtypisch für bürgerliche und adelige Frauen des
19. Jahrhunderts. In ihrer Näh- und Strickschule befähigte sie Mädchen, durch den Verkauf ihrer Handarbeiten zum Familienunterhalt beizutragen.

1799 in einer der reichsten Regensburger Familien geboren, wuchs Julie im heutigen Thon-Dittmer-Palais auf. Großvater Georg Friedrich von Dittmer hatte mit dem Handel von Salz, Weinen und Bergwerkserzeugnissen gut verdient.

Julie erhielt Unterricht bei einem Hauslehrer und verfolgte die Studien ihrer Brüder. Aus ihrem Briefwechsel mit dem früheren bayerischen Minister Graf Maximilian Joseph von Montgelas spricht ein für Frauen ihrer Generation außergewöhnlich großes kulturelles, wirtschaftliches, soziales und politisches Interesse.

Mit 28 heiratete sie Adolf von Zerzog, ein späteres Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung, zog mit ihm aufs Land, brachte acht Kinder zur Welt, kehrte 1844 zurück nach Regensburg und engagierte sich karitativ. 1847 trat Julie dem „Frauenverein zur Unterstützung armer Wöchnerinnen“ bei. Später verfolgte sie ihren eigenen Plan: eine Näh- und Strickschule für arme Mädchen. Zu deren Finanzierung verfasste sie eine kunsthistorische Beschreibung des Rathauses. Die erste Auflage erschien 1848. Nach zwei Jahren hatte sie so viele Exemplare verkauft, dass der Unterricht „mit zwölf armen Mädchen“ beginnen konnte. Durch den Verkauf von Handarbeiten konnten diese zum Lebensunterhalt ihrer Familien beitragen. Vor allem die geklöppelten Spitzen waren begehrt und wurden auf der Industrieausstellung in München prämiert. Durchschnittlich 90 Kinder wurden jährlich kostenlos unterrichtet, Julie von Zerzog leitete die Schule in Regensburg noch bis um 1860.

Ihren Lebensabend verbrachte Julie von Zerzog mit ihrem Ehemann auf dessen Familiensitz Gut Nairitz bei Bayreuth. Dort starb sie am 24. Januar 1871. Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte sie jedoch im Palais am Haidplatz 8. Seit 2016 gibt es im Regensburger Stadtteil Burgweinting die Julie-von-Zerzog-Straße.