Vergangene Veranstaltungen

BUDAPEST

Jedes Jahr fahren Millionen von Touristen auf Ausflugsbooten unter unseren schönen Brücken durch und steigen auf den Gellért-Hügel, um unsere Welterbe-Stadt und den Blick auf die Donau zu fotografieren. Sie erkunden Budas mittelalterliches Burgviertel und das Zentrum auf der Pester Seite: die Andrássy-Straße und ihre Umgebung von der St.-Stephans-Basilika bis zum Heldenplatz. Heute zeigt Budapests Stadtbild kaum Spuren der Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs oder der architektonischen Abnormitäten der sozialistischen Zeit. Nach dem Regimewechsel wurden Europas größte Synagoge und zweitgrößtes Parlament restauriert. Viele Menschen interessieren sich jedoch weniger für Touristenattraktionen als für geheime Geschichten der Stadtbewohner. Für sie bietet Budapest Walkshop Stadtrundgänge über die unerforschte politische Vergangenheit, das Leben von Minderheiten und andere interessante Themen.

Einwohner: 1,756 Millionen (2016)

JOHANNA HEVESI BISCHITZ, Budapest

Das Fehlen von staatlich finanzierten Waisenhäusern wurde mir während meiner Arbeit im Frauenverband klar, ich musste Abhilfe schaffen. Nicht ein Kind sollte allein gelassen werden.

Johanna Hevesi Bischitz (1827-1898), zeigte ihre Liebe zur Menschheit in der Ungarischen Revolution und dem Unabhängigkeitskrieg von 1848/49. Sie versorgte Verwundete in ihrem eigenen Haus in Tata. 1866 gründete sie den israelitischen Frauenverein von Pest, der eine der bedeutendsten wohltätigen Einrichtungen der Hauptstadt wurde. Sein oberstes Anliegen war es, tugendhaften armen Frauen zu helfen. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf kranken, schwangeren, verwitweten oder verwaisten Frauen, die sich nicht selbst versorgen können. Sie erkannte, dass mit der zunehmenden Verstädterung immer mehr Frauen schutzbedürftig wurden. Für sie waren die Bildung und Ausbildung von Frauen, ebenso wie Arbeitsmöglichkeiten, ein Mittel zum Schutz vor Armut und Prostitution. Der Verein unterhielt auch ein Waisenhaus und ein Heim für Mädchen, wo zunächst zwölf Waisen versorgt wurden, bevor ihre Zahl auf 120 stieg. Der Frauenverein betrieb auch eine koschere Suppenküche, die nicht nur armen Menschen warme Mahlzeiten bot.

Der Hauptsitz des Israelitischen Frauenvereins von Pest lag an der Ecke der Kertész- und Dob-Straßen, im Gebäude des heutigen Künstlervereins Fészek. Der Frauenverein wurde durch Wohltätigkeitsveranstaltungen finanziert, wie etwa Bälle, Musikabende und Theateraufführungen. Sie zogen Intellektuelle wie Lujza Blaha, Franz Liszt und Sándor Bródy an. Gleichzeitig boten sie Frauen eine wichtige Gelegenheit, im öffentlichen Raum aktiv zu sein und bereiteten den Weg für die Akzeptanz der politischen Teilhabe von Frauen.

Johanna Bischitz wird auch die Gründung des Kindergartenvereins der Hauptstadt zugeschrieben. Als erste Frau (abgesehen von den verwandten von Monarchen und der Heiligen) wurde sie mit einer Statue in Budapest geehrt. Die Büste ist heute im Ungarischen Jüdischen Museum zu sehen. Bischitz hatte keine Kinder, sah die Söhne aus erster Ehe ihres Mannes als ihre eigenen an. Der Nobelpreisträger György Hevesy war ein Nachfahre eines der Jungen. Johanna Bischitz wurde von Franz Joseph I. von Österreich ein Adelstitel verliehen.

Im VI. Budapester Bezirk tragen auch heute noch zahlreiche soziale Einrichtungen ihren Namen.

ERZSÉBET GAÁL, Budapest

Erzsébet Thuránszkyné Gaál (1917-1989), eine 28-jährige Krankenpflegerin, fiel dem Bildhauer Zsigmond Kisfaludi Stróbl im Oktober 1945 an einer Straßenbahnhaltestelle auf. Der renommierte Künstler war damit beauftragt worden, ein Denkmal für die Befreiung Ungarns zu erschaffen, das auf dem Gellért-Hügel aufgestellt werden sollte. Statt einer Tänzerin des Bolshois oder anderer Berühmtheiten erschien Gaál dem Künstler das geeignetste Modell für sein Projekt.

Von Erzsébets Jugend ist wenig bekannt. Als sie Kisfaludi traf, lebte sie in einem kleinen Dorf. Drei ganze Tage lang erklärte ihr Kisfaludi die Haltung des Körpers, Kopfes und Palmzweiges. Sie stand schließlich zehn Tage lang Modell und hielt den Palmzweig immer 20 Minuten lang hoch. Ihre hüftlangen Haare waren gekürzt worden und wurden mit einem Fächer bewegt, um den Donauwind darzustellen. Erzsébet erfüllte diese Aufgabe als freiwillige Arbeit und erhielt keine Bezahlung. Zur Enthüllung des Denkmals wurde sie nicht eingeladen.

Erzsébet arbeitete als Röntgenassistentin. Als sie heiratete und eine Tochter bekam, bat sie Kisfaludi, deren Pate zu sein. Bei der sowjetischen Besatzung wurde Erzsébet recht bekannt. Schulklubs und eine Schule wurden nach ihr benannt. Sie wurde zur Pionierin ehrenhalber ernannt und viele unterhielten Briefwechsel mit ihr. In Ungarn baten Journalisten und Pioniere um ihr Foto und ein paar Zeilen, meist kurz vor dem 4. April, dem Tag der Befreiung Ungarns.

Während ihres Lebens gab sie mehrere Interviews. 1984 sprach sie ihren viel zitierten Satz aus: “Wissen Sie, ich habe für viele unwürdige Menschen einen Palmzweig hochgehalten …”

Ihr Privatleben war weniger erfolgreich. Ihr Mann verließ sie und starb dann. Trotz ihres Ruhms – sie war als „die Statue“ bekannt – kämpfte sie gegen Ende ihres Lebens mit finanziellen Schwierigkeiten. Nach ihrem Tod erhielt sie kein Ehrengrab. Auch wollte der Staat die Kosten nur für ein Begräbnis ohne Priester decken. Unter diesen Bedingungen lehnte ihre trauernde Tochter das Angebot ab. Auf Erzsébet Gaáls Grab in Sopron steht folgende Inschrift: „Hier liegt das Modell für die Freiheitsstatue.“

Diese Geschichte erzählt die Universitätsprofessorin und Historikerin Andrea Pető bei der Bustour „Frauen im Labyrinth von Budapest“, die von Budapest Walkshop organisiert wird.

ETELKA KUNTICH, Budapest

Ich wurde oft gefragt, warum ich geholfen habe – nun, weil ich die Möglichkeit dazu hatte.

Etelka Kuntich (1911 – 2009), war eine Nonne im österreichischen Orden Töchter der göttlichen Liebe. Im Zweiten Weltkrieg lebte sie im Kloster auf dem Budapester Sváb-Hügel, wo sie auch als Vorschullehrerin arbeitete. Nach der deutschen Besatzung begannen die Deportationen. Anhänger der Pfeilkreuzler-Partei, die wenige Monate später an die Macht kam, führten spontane Razzien durch, bei denen zahllose ungarische Juden verschleppt und ermordet wurden. Während eines solchen Vorfalls rettete Schwester Tarsitia jüdische Kinder, die sich im Konvent verstecken und so einer Erschießung an der Donau entgehen konnten. Derweil hausten Adolf Eichmann, ein österreichischer SS-Obersturmbannführer und seine Männer, die im März 1944 nach Budapest gekommen waren um Deportationen zu organisieren, im Hotel Majestic, einem Gebäude im Bauhaus-Stil in der Nähe des Klosters, das bis heute nicht gekennzeichnet ist.

Der Krieg veränderte das Leben der Nonnen radikal. Während der Belagerung von Budapest wurde ihr Gebäude von russischen Soldaten besetzt. Einer kurzen friedlichen Zeit nach dem Krieg folgte der Einzug einer Traktorenschule in das Kloster. 1950, nach dem Wechsel zum kommunistischen Regime, wurden alle religiösen Orden aufgelöst und alles Kircheneigentum verstaatlicht. Die Schwestern mussten als Zivilistinnen Arbeit suchen, was aufgrund ihrer Vergangenheit als Nonnen schwierig war. Sie fanden nur selten Arbeit in ihren Ursprungsberufen, als Krankenschwestern oder Lehrerinnen, und schafften sie es doch, musste ihre Vergangenheit im Kloster geheimgehalten werden.

Etelka Kuntich arbeitete schließlich als Beladerin in einer Mine, wo sich ihre Gesundheit wegen der harten körperlichen Arbeit verschlechterte.Später beauftragte man sie mit der Gründung einer Vorschule im nahegelegenen Dorf Olaszfalu. Die ehemalige Nonne widmete ihr ganzes Leben der Kindererziehung. Die von ihr im Krieg geretteten Kinder blieben bis zu ihrem Tod 2009 in Kontakt mit ihr. Sie setzten durch, dass sie 1998 den Ehrentitel des Yad-Vashem-Instituts erhielt, „Gerechte unter den Völkern“. Die Dorfgemeinde Olaszfalu errichtete ihr ein Denkmal, obwohl ihr Kuntichs Aktivitäten im Krieg nicht bekannt waren: nicht als lebensrettende Nonne, sondern als legendäre Vorschullehrerin

JUDIT MONA, Budapest

Zuerst sollte die Situation des Landes verbessert werden.”

Judit Mona (1926 – 1981), stammte aus einer Familie mit drei Kindern in Tápiósüly. Ihre Eltern waren politisch links eingestellt. Ihre Mutter war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei, ihr Vater bewachte als Soldat der Roten Armee die ungarische Grenze. Judit studierte Medizin und heiratete 1951 ihren Kommilitonen Attila Lehoczky. Ihr Sohn kam 1955 zur Welt.

Am 23. Oktober 1956 kam sie von ihrer Arbeit, der Verkehr in Budapest stockte: Die Stalin-Statue wurde gerade gestürzt. Judit wurde auch Zeugin der Besetzung des Radiosenders. Anfangs leistete sie medizinische Hilfe in Kőbánya, bevor sie nach ein paar Tagen zu den Kämpfern an der Corvin-Passage stieß. Sie wurde die leitende Ärztin in der Práter-Straße und arbeitete wie besessen in einem improvisierten OP-Saal. Sie behandelte auch Mitglieder des Staatsschutzes (ÁVH). Als ein Rebell ihr deswegen Vorwürfe machte und eine härtere Behandlung vorschlug, antwortete sie: „Kämpfer, wie können Sie so reden? Dann wären wir genau wie sie.“

Am 6. November floh sie mit den meisten Corvinisten zur westlichen Grenze. Judit und Attila waren gezwungen, Ungarn Ende November ohne ihr Kind zu verlassen. Sie lebten zunächst in Wien, dann in Genf, wobei sie immer in Kontakt mit dem Ungarischen Revolutionsrat standen. In einer gewagten Aktion brachte ihr Mann das gemeinsame Kind aus Ungarn heraus.

Kurze Zeit später zogen sie in die Vereinigten Staaten, erst nach New York, dann nach Buffalo. Dort änderten sie ihren Nachnamen zu Lehotay. Die Amerikaner erkannten ihre ungarischen Abschlüsse nicht an, weswegen beide ihre Karrieren noch einmal von vorne beginnen mussten. Judit arbeitete als Pathologin in verschiedenen Krankenhäusern, bevor sie ihr Medizinstudium in New York abschloss. Eine erfolgreiche Berufslaufbahn folgte. Sie wurde Expertin für Forensik und Mitglied in zahlreichen amerikanischen wissenschaftlichen Vereinen und das erste weibliche Vorstandsmitglied des Nationalen Verbands der Gerichtsmediziner.

Judit war ihre ungarische Herkunft wichtig. Sie wurde eine leitende Figur des US-Verbands ungarischer Freiheitskämpfer. Sie engagierte sich auch in der Organisation der amerikanisch-ungarischen Pfadfinderbewegung. 1981 starb sie im Alter von 55 Jahren.

CRESCENCE SEILERN, Budapest

Nur der Adel und die Errettung Ungarns sollten das Ziel sein, das uns vereint.
Wenn alles schief geht, bleibt der Glaube.

Countess Crescence Seilern-Anspang (1779 – 1875), wurde in Brno (Mähren) in eine gut vernetzte, aber wenig bekannte Familie hineingeboren. Von ihren zahlreichen Verehrern wählte die schöne junge Frau im August 1819 Graf Károly Zichy. Sie war 20 Jahre jünger als ihr Ehemann und hatte zusätzlich die Aufgabe, sich um seine sieben Kinder zu kümmern. Pflichtbewusst nahm sie ihre neue Verantwortung an.

1823 begegnete Crescence dem jungen und leidenschaftlichen Grafen István Széchenyi. Ihre Persönlichkeiten hätten nicht unterschiedlicher sein können: der Graf war impulsiv und ernst veranlagt, während die Gräfin voller Leben und von heiterem Gemüt war. Széchenyi machte Crescence unermüdlich den Hof, doch sie schickte all seine Briefe ungeöffnet zurück. Insgeheim war sie in den jungen Mann verliebt, wollte jedoch ihre Tugend um jeden Preis bewahren.

Der Graf konzentrierte sich daraufhin auf seine Arbeit. 1832 fuhr er nach England, um den Bau der ersten permanenten Brücke über die Donau zu organisieren, die wir heute unter dem Namen Széchenyi-Kettenbrücke kennen. Diese Brücke, aus dem Feuer seiner Begierde für Crescence entstanden, wurde zu seinem Hauptlebenswerk. Nicht lange nach Graf Zichys Tod, nach Ablauf des Trauerjahres, heirateten die beiden am 4. Februar 1836 in einer Kirche am Krisztina-Platz.

Einen Teil ihrer Zeit verbrachten sie in ihrer Residenz in Pest mit Blick auf die Donau und die riesige Kettenbrücke, den anderen Teil im Schloss in Cenk/Tâmpa. Zusätzlich zu seinen sieben Kindern betreute der Graf auch die sieben Adoptivkinder seiner Frau wie seine eigenen. In den folgenden Jahren gebar Crescence zwei weitere Söhne. Sie unterstützte ihren Gatten in allem und lernte sogar Ungarisch.

1848 brachte eine Wende zum Schlimmeren. Der Graf erlitt einen Nervenzusammenbruch. Er bat Crescence um die Scheidung. Sie blieb jedoch stark und weigerte sich, ihren Mann zu verlassen. Statt dessen brachte sie ihn im Döblinger Sanatorium unter, wo er angemessen behandelt wurde. Crescence zog nach Wien, um so oft wie möglich bei ihm zu sein. Sie waren in ständigem Austausch; besonders sorgte sie die Zukunft ihrer Familie. Nach Széchenyis Selbsttötung im Jahr 1860 blieb seine treue Frau bis zu ihrem eigenen Tod 1875 in Trauer.